Nangal Sohal 2026 – Die Hochzeit

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Es sollte ihr Tag sein, Reikha`s großer Freudentag, wir alle hoffen darauf!

Aber der erste Blick fällt nüchtern aus. Wir werden mit Taxis zu einer Event-location gefahren (die ihre besten Zeiten lange hinter sich gelassen hatte), wo sich die Verwandtschaft des Bräutigams und die der Braut schön nach Familie und Geschlecht getrennt aufgeteilt trifft. Wegen der unterschiedlichen Kastenzugehörigkeit ist ein großer Teil der Verwandschaft augenscheinlich nicht erschienen und -wahrscheinlich auf Grund der terminlichen Kurzfristigkeit – auch kaum Freunde. Der Bräutigam muss in den nächsten Tagen wieder nach Italien zu seiner Arbeitsstätte, daher anscheinend die Eile.

Es wird sich vorgestellt, Höflichkeiten werden ausgetauscht und durch die 2 offiziellen Fotografen erste Bilder erstellt. Als sich alle versammelt haben, geht es weiter mit den Autos zur Gurdwara in der Nähe – dem Tempel der Sikhs(wir waren kaum mehr als 25 Personen…). Hier findet die religiöse Trauung statt, eine „standesamtliche“ wie bei uns ist normalerweise nicht „nötig“.

Es wird auf die Braut gewartet, die natürlich im eigenen Fahrzeug, begleitet von der Schwester, hochgeschminckt und geschmückt in Rosa auftaucht.

 

Alle platzieren sich barfuß auf dem Boden, zuvor überbringt die Braut ein geschmücktes Tuch als Spende und mehrere Geldspenden werden in den Schlitz einer riesigen Metallbox vor dem heiligen Buch gelegt.

Der Vorstehende (es gibt im Sikhismus keine Profi“Priester“ – jeder darf der Gemeinde vorstehen) intoniert seinen Sprechgesang, es klingt sehr erhaben und auch belehrend und mit großem Ernst vorgetragen. Das heilige Buch der Sikhs ist dabei unter dem reich bestickten Tuch verborgen.

An bestimmten Stellen wird der Kopf zum Boden gesenkt und Worte werden wiederholt. Der Brautvater salbt den Bräutigam und füttert ihn,

Die Schwiegermutter drückt der Braut ein Ziersteinchen zwischen die Augen, die Mutter (oder war es der Bräutigam?! – ging zu schnell) setzt ihr mit roter Paste das Bindi der verheirateten Frau in den Haaransatz. Auch der Vater der Braut schmückt sie mit den typischen Armreifen und Armgehängen. Dann müssen die Brautleute mit einem Band in der Hand dreimal um das Heiligtum laufen, der Mann (natürlich!) vorweg…

Die Brautleute halten das symbolische Band in den Händen und umrunden den „Altar“ mit dem heiligen Buch.

Außerdem unterschreiben sie ein Schriftstück, das ihren Bund fürs Leben manifestiert, eine standesamtliche Eintragung kommt eher selten vor.

Irgendwann sind die Zeremonien zu Ende und es geht zurück zur Festhalle..

Dort angekommen, beginnt der eindeutig lustigste Teil der Traditionen: Der Bräutigam mit seiner Entourage wird nicht in den Saal gelassen, ein Band hindert ihn und eine nahe junge Verwandte -hier die Schwester – fordert vom Bräutigam Geld für das Recht zum Eintritt, es geht fröhlich hin und her, immer mehr Scheine muss der Bräutigam in die Schale legen, bis die Schwester gnädig gestimmt ist. Und dann wird sich – zur Manifestierung der neuen familiären Verbundenheit  – gegenseitig gefüttert und das hinderliche Band entfernt.

Hier beginnen die „Verhandlungen“
Und hier werden die familiären Bande geknüpft

Die Aussteuer wird ausgebreitet und begutachtet, der Goldschmuck der Braut angelegt und in einer weiteren Zeremonie müssen die Brautleute auf einem Sofa Platz nehmen, jeder der Gäste kann sich mit den Brautleuten fotografieren lassen und legt Geld in die beiden Körbe der Brautleute.

Nach einer kurzen Tanzeinlage mit gemessenen 100 db und in die Luft geworfenen Geldscheinen – Bilder für die Fotografen – sprich nur für die Nachwelt… Die Stimmung war überhaupt nicht danach.. – war die Hochzeit zu Ende. Bei dieser Hochzeit hatten die Fotografen absolut das Zepter in der Hand, es musste so lange verharrt werden, bis das Bild „richtig“ im Kasten war, auch die richtige Geste, die richtige Position bei den Ritualen wurde von den Fotografen bestimmt – unmöglich aus unserer Sicht!

Die Braut wirft hier selber den Reis hinter sich, der anscheinend glücksbringend sein soll, denn die Umstehenden haben ihn gesammelt und auch gegessen…
Zu guter Letzt der tränenreiche Abschied von der Familie, - Gott sei Dank muss sie sich nicht komplett und endgültig von der eigenen Familie trennen, sie darf Kontakt halten…

Unser erstes Sikh-Hochzeitserlebnis war sehr emotional aber so überhaupt nicht Bollywood-like, eine wertvolle Erfahrung, die unser Indienbild wieder mal ins realistischere Licht rückt…

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