Es ist so faszinierend wie erschreckend zugleich, schon die Anfahrt in Richtung von Anandpur Sahib, alle Straßen voll mit Treckern und Anhängern, diese voll besetzt mit Sikhs aller Altersstufen, jedes extra montierte Holzbrettchen ist belegt, die Fahnen mit den Insignien wehen und alles geht in eine Richtung – Hola Mohalla. Das heilige Fest der Sikhs, die eine Gelegenheit, ihre Religion zu zelebrieren, – aber vor allen Dingen – ihre Identität zu pflegen. Bedrohlich wirken schon auf der Hinfahrt die vielen jungen vermummten Motorradfahrer mit ihren Flaggen, die am Wegrand zu Hauf zum Verkauf stehen. In ganzen Truppen hat man sich verabredet und ist gemeinsam unterwegs. Am Wegesrand aller Zufahrtsstraßen sind teils riesige Essenstände aufgebaut, an denen Jeder – auch Nicht-Sikhs – nach ihrer Tradition umsonst zu Essen und Trinken bekommen kann, Freiwillige verteilen frisch gepressten Zuckerrohrsaft an die Eiligen, die nicht groß Rast machen wollen…
Und die Pferde, diese berühmten filigranen edlen Wesen um die sich hier Vieles dreht, werden erst einmal im nahen Fluss gebadet. Der Umgang mit ihnen ist – vorsichtig gesprochen – im europäischen Sinne eher „robust“ bis brutal – man muss hier – leider – andere Maßstäbe ansetzen. Das steht in keinerlei Widerspruch zum Stolz der Sikhs auf ihre Tiere, fast jedes Einzelne bekommen wir vorgeführt, die Gewinnertiere werden zelebriert, hoch im Kurs stehen Albinos, die auch mal ohne Reiter ins Stadion geschickt werden, weil sie ja bereits von einem der Gurus gelenkt sind…
Es geht kriegerisch zu, etliche Stände wie im Bild bieten handgeschmiedete Speere und axtähnliche Teile an, aber auch jede Art von Gewehren, Schlagringen, Messer und Schwertern. Die handgeschmiedeten Werke sind kunsthandwerklich eine Augenweide, aber sie werden in dem Sinne präsentiert den sie darstellen, – sie können töten.
Alle „Spiele“ drehen sich im Grunde um Kampf, – um die größtmögliche Fähigkeit, Waffen einzusetzen und den – potentiellen – Gegner zu schlagen.
Da ist das „Gatka“ – die fast tänzerische immer zelebrierte Kampfkunst der Sikhs, bei der auch mal mit zwei scharfen Schwertern meterhoch in die Luft gesprungen und ein Salto vollführt wird – wehe dem potentiellen Gegner, der darauf nicht vorbereitet ist…
Und natürlich die irrsinnigen Vorführungen der Reiter, extra in einem Stadion untergebracht. Die vorhandenen Tribünen sind nicht so voll besetzt, wie erwartet, was daran liegen mag, das ein großer Teil der Zuschauer lieber direkt auf dem Feld in einer Ebene mit den Reitern unterwegs ist.
Stolz werden die Waffen präsentiert, auch die Holi-üblichen Farbpulver finden hohen Anklang – sehr fotogen. Aber – aus der Masse bewegt sich wie aus dem Nichts plötzlich im Laufschritt ein Kampf-„Sturm“ brüllender Sikhs mit hoch gestreckten Speeren mitten in die Zuschauermenge – echt beängstigend.
Da die Reiter mit ihren Pferden, die vor der Haupttribüne auch noch einige Kunststücke machen, ihre Tierchen gerne mal im vollen Galopp in die Menge rasen lassen (macht kein Pferd freiwillig – muss antrainiert werden), wird es schnell ungemütlich, wenn man ob der Masse an Menschen nicht ausweichen kann. Da ich ja auf unsere inständig warnenden Guides nicht gehört hatte, durfte ich dabei direkt einige schmerzhafte Prellungen einkassieren, als ich nicht schnell genug die Möglichkeit zum Beiseitespringen fand. Vom Pferd überrannt zu werden ist wirklich kein Spaß! (und ich hatte noch echtes Glück..)
Zusammenfassend: Wer das Wesen und die glorreiche Vergangenheit der Sikhs nachvollziehen möchte – kommt ihrem Selbstverständnis hier ein gutes Stück näher. Schließlich ist die Tradition der Hola Mohalla schon seit ca. 1700 bekannt. Aber – ohne den Besuch einer Gurdwara und dem Erleben der dortigen Spiritualität und – der Gemeinnützigkeit der Sikh wäre das Bild dieser Menschen sehr einseitig gezeichnet. Anbei noch ein paar weitere Eindrücke:
